Viele Haustiere sind von zuchtbedingten Schmerzen, Leiden oder Schäden betroffen, die unter dem Begriff Qualzucht zusammengefasst werden. Betroffene Tiere haben beispielsweise chronische Schmerzen, Atemwegsprobleme, Augenerkrankungen und zahlreiche weitere gesundheitliche Einschränkungen. So sind vor allem kurzköpfige Tiere aufgrund ihrer reduzierten Thermoregulationsfähigkeit bei hohen Außentemperaturen besonders gefährdet und überhitzen deutlich schneller als andere Tiere. In der Zuchtpraxis lässt sich zunehmend beobachten, dass ästhetisch motivierte, vom Menschen subjektiv als „schön“ wahrgenommene Merkmale gegenüber funktionalen und gesundheitsrelevanten Eigenschaften bevorzugt werden.
Verstärkt wird das Problem durch die Verbreitung von Bildern und Videos sogenannter „Trendtiere“ in Werbung und sozialen Medien, die die Nachfrage nach gesundheitlich belasteten Rassen weiter steigern. Brandenburgs Landestierschutzbeauftragten Dr. Anne Zinke – selbst Tierärztin – ist es daher ein wesentliches Anliegen, über die Risiken von Qualzucht aufzuklären und das Bewusstsein für verantwortungsvolle Kaufentscheidungen zugunsten gesunder Tiere zu fördern.
Brandenburgs Landestierschutzbeauftragte Dr. Anne Zinke: „Ob im urbanen Raum oder in sozialen Medien: Französische und Englische Bulldoggen, Dackel oder Zwergspitze gehören weiterhin zu den besonders nachgefragten Rassen, mit steigender Tendenz. Dies geschieht, obwohl viele dieser Tiere aufgrund extremer züchterischer Selektion ein hohes Risiko für Schmerzen, Leiden oder dauerhafte Schäden aufweisen oder solche im Verlauf ihres Lebens entwickeln. So genannte „Petfluencer“ und Prominente tragen maßgeblich zur Popularisierung dieser Rassen bei, da sie zumeist über große Reichweiten verfügen und häufig Tiere mit problematischen Merkmalen öffentlich präsentieren, ohne deren gesundheitliche Einschränkungen transparent zu machen. Studien zeigen, dass diese Form der Darstellung die Nachfrage nach „begehrten Phänotypen“ signifikant erhöht. Daher sind kontinuierliche Aufklärung über Qualzucht sowie ein kritischer Umgang mit medialen Inhalten von zentraler Bedeutung. Fundierte Kenntnisse über Qualzuchtmerkmale und deren gesundheitliche Konsequenzen ermöglichen es, Tiere durch wissenschaftlich fundierte, verantwortungsvolle Zuchtplanung und reflektierte Kaufentscheidungen nachhaltig zu schützen“, so Dr. Anne Zinke.
Was bedeutet Qualzucht bei Tieren?
Als Qualzucht wird jede Form der Tierzucht bezeichnet, bei der Nachkommen aufgrund gezielt angezüchteter Merkmale ein Leben mit Schmerzen, Leiden oder Schäden führen müssen. Besonders häufig betroffen sind beliebte Hunderassen, deren Zucht zunehmend auf Merkmale ausgerichtet ist, die als „niedlich“ oder ästhetisch attraktiv wahrgenommen werden – etwa übergroße Augen, stark gerundete Köpfe, breite Gesichter sowie bestimmte Fell- und Augenfarben. Auch extreme Körperformen wie sehr lange Rücken, übermäßig kurze Gliedmaßen oder extrem kleine beziehungsweise sehr große Körpergrößen können problematisch sein. Inzwischen sind die allermeisten Hunderassen von erblich bedingten Defekten betroffen. Weniger bekannt, aber ebenfalls betroffen, sind bestimmte Katzenrassen wie Nacktkatzen, Perserkatzen und Scottish Fold sowie weitere Heimtiere wie Meerschweinchen, Kaninchen und Reptilien.
Die äußerlich attraktiven Merkmale, die häufig zum Kauf verleiten, können im späteren Leben erhebliche gesundheitliche Probleme verursachen. Dazu zählen Atem- und Schlafstörungen, ausgeprägte Hitzeempfindlichkeit, Entzündungen von Haut, Augen und Zähnen, Taubheit, Blindheit, chronische Schmerzen und Gelenkerkrankungen. Obwohl das Tierschutzgesetz (Paragraf 11b) bereits seit 1986 die Zucht von Tieren mit leidens-, schmerz- oder schadensverursachenden Merkmalen verbietet, sind solche Praktiken weiterhin weit verbreitet. Ein grundlegendes Umdenken bei Züchterinnen und Züchtern sowie bei Tierhaltenden und potenziellen Käuferinnen und Käufern ist daher unerlässlich, um vermeidbares Tierleid zu verhindern. Die Landestierschutzbeauftragte Dr. Anne Zinke weist zudem darauf hin, dass die gesundheitlichen Probleme der Tiere auch für Halterinnen und Halter erhebliche emotionale und psychische Belastungen darstellen können. Denn auch der Alltag mit einem betroffenen Tier kann stark eingeschränkt sein. So sind beispielweise längere Spaziergänge oder sportliche Aktivitäten für viele dieser Tiere nicht möglich. Besondere Vorsicht gilt bei hohen Temperaturen: Kurzköpfige Tiere sind hier deutlich benachteiligt und können sehr schnell überhitzen. Darüber hinaus können Tierarzt- und Operationskosten schnell vier- bis fünfstellige Beträge erreichen.
Kampagne „Lifestyle oder Lebewesen“
Die Landestierschutzbeauftragte hat gemeinsam mit dem Verein Tierwohl statt Lifestyle – Gemeinsam gegen Qualzucht e.V. die Kampagne „Lifestyle oder Lebewesen“ initiiert, deren Ziel es ist, die Öffentlichkeit über die Hintergründe und Folgen von Qualzuchten zu informieren. Im Mittelpunkt stehen die gesundheitlichen und sozialen Einschränkungen, die Tiere mit erblich bedingten Fehlentwicklungen oder krankmachenden Zuchtmerkmalen erleiden. Durch verschiedene Aktionen, unter anderem seit mehreren Jahren im Rahmen der „Langen Nacht der Wissenschaften“ in Berlin, leistet die Landestierschutzbeauftragte kontinuierliche Informationsarbeit, um über Qualzucht und Möglichkeiten aktiver Einflussnahme aufzuklären. Beim Erwerb eines Haustieres sollte nicht das äußere Erscheinungsbild ausschlaggebend sein; vielmehr ist die Berücksichtigung gesundheitsrelevanter Merkmale entscheidend. Die Tierärztin empfiehlt, sich im Tierheim nach einem geeigneten tierischen Begleiter umzusehen oder sich bei seriösen Züchtern umfassend über die Gesundheit der Zuchttiere zu informieren.
Kontakt:
Dr. Anne Zinke
Tierschutzbeauftragte Land Brandenburg
E-Mail: tierschutzbeauftragte@mleuv.brandenburg.de
Tel.: 0331 866-7907/-08
Internet: https://mleuv.brandenburg.de/mleuv/de/ueber-uns/landestierschutzbeauftragte/

